UNTERLEUTEN - Juli Zeh

  • UNTERLEUTEN


    Juli Zeh


    Luchterhand
    Gebundenes Buch mit Schutzumschlag , 635 Seiten
    ISBN: 978-3-630-87487-6


    Die Autorin (Verlagsangabe)
    Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).



    Inhalt und meine Meinung


    Ein fiktives Dorf in Brandenburg. Es wird bewohnt von den nach der Wende Zurückgebliebenen, denen, die nicht in den Westen aufbrechen konnten oder wollten. Wie in jedem Dorf gibt es Konflikte und Leichen im Keller, Verschwörungstheorien, Gerüchte und Gehässigkeiten.
    Da ist Gombrowski, Sohn eines früheren Großbauern, in der DDR Leiter der LPG mit dem schönen Namen „Gute Hoffnung“, die er nach der Wende erfolgreich in eine GmbH umgewandelt hat. Sein erbitterter Feind seit Kindertagen ist Kron, überzeugter Kommunist und mit einem guten Gedächtnis gesegnet. Arne, der Bürgermeister des Dorfs, hat alle Hände voll zu tun, die Kontrahenten und ihre Anhänger in einer Art zerbrechlichem Waffenstillstand zu halten und dafür zu sorgen, dass Geld für die notwendigsten kommunalen Aufgaben zusammengekratzt werden kann.
    Ein idyllisches Fleckchen für großstadtmüde Menschen auf der Suche nach ihrem persönlichen Paradies. Schnell erkennen Gerhard Fließ, der ehemalige Dozent am Berliner Institut für Sozialwissenschaften und jetzige Vogelschutzwart, und seine Frau Jule, dass die Dorfbewohner ihre Konflikte auf andere Art austragen als Städter und leiden unter den Schikanen des neuen Nachbarn.
    Auch Linda Franzen hat den idealen Ort für ihre Zukunft in Unterleuten gefunden. Sie möchte sich einen Pferdehof aufbauen, eine Art Seminarzentrum für unwissende Pferdebesitzer eröffnen und vor allem ihren geliebten Hengst Bergamotte bei sich haben. Sie ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, ihre Ziele zu verwirklichen. Ihr Partner Frederik hat mit Dorfleben und Pferdehof wenig im Sinn. Er ist Computerfreak und arbeitet im nicht allzu fernen Berlin.
    Als eine Investmentfirma auf dem Gemeindegebiet einen lukrativen Windpark errichten will, entstehen schnell neue Konflikte und Bündnisse. Zudem tritt Konrad Meiler auf den Plan, Investor aus Ingolstadt, der mal eben 250 Hektar Land für 2,5 Millionen Euro ersteigert hat und darauf warten kann, dass sich diese Investition amortisiert. Die Lage im Dorf spitzt sich zu.


    In jedem Kapitel wird die Lage aus der Sicht einer der Hauptfiguren bzw. ihrer Angehörigen erzählt. Dadurch entsteht ein ständiger interessanter Wechsel aus Außen-und Innensicht der Protagonisten. Ein Mensch, der eben noch als Inbegriff des Bösen geschildert wurde, wird aus der eigenen Sicht zu einem eher bemitleidenswerten, immerzu missverstandenen Menschenfreund. Eigentlich sind alle Personen leicht überzeichnet, was aber nicht im Geringsten stört, sondern häufig zum Wiedererkennen von Verhaltensweisen führt. Nach dem Motto: Das kenne ich doch.


    Obwohl das Buch nicht gerade dünn ist, habe ich mich keine Sekunde gelangweilt, im Gegenteil konnte ich es zum Ende hin vor Spannung kaum mehr aus der Hand legen.
    Ob es den Anspruch der Autorin erfüllt, einen Gesellschaftsroman zu schreiben, der den Zeitgeist und die Befindlichkeit einer ganzen Epoche erzählt, möchte ich zwar bezweifeln. Was das Buch sicherlich zeigt ist, wie wenig es braucht, um die dünne Schicht „Kultur“, die unser Zusammenleben im Alltag regelt, abzuschmirgeln und zu archaischen Zuständen überzugehen. Ansonsten stelle ich mir die Frage, ob es überhaupt noch möglich ist, ein Buch mit einem solchen Anspruch zu schreiben. Viel zu vielgestaltig ist unsere Gesellschaft dafür geworden.
    Mir genügt es vollauf, dass Menschen in Konfliktsituationen beschrieben werden, nachvollziehbar, glaubwürdig und spannend wie in einem Thriller.


    Ich bin von diesem Buch begeistert und vergebe 9 Punkte

  • Frederik hat als Kind seiner Zeit schon als Schüler gemeinsam mit seinem Bruder das erfolgreichste Browserspiel aller Zeiten programmiert und vermarktet. Als Arbeitsnomade folgt er zunächst seinem Bruder nach Berlin und weiter seiner Partnerin nach Brandenburg. Linda sieht als gelernte Pferdewirtin das Potential des Dorfes Unterleuten und will mit ihrem Zuchthengst in die Pferdezucht und eine Karriere als Pferdeflüsterin einsteigen. Beide campieren noch auf der Baustelle ihres verlassenen Gehöftes, Frederik arbeitet weiter in Berlin. Lindas drängendstes Problem ist, dass sie noch keine Pferdekoppel direkt am Haus hat und ihr Pferd nicht nach Unterleuten holen kann. Die Naturschutzvorschriften sehen keine Nutzungsänderung der Nebengebäude vor und die Beschaffung einer Koppel erweist sich als unerwartet kompliziert. Linda gerät zunächst mit Gerhard aneinander, dem für den Vogelschutz von exakt 16 Brutpaaren des seltenen Kampfläufers Zuständigen in der Unterleutener Heide. Gerhard hat eine erstaunliche Karriere vom mäßig erfolgreichen Soziologie-Dozenten und Gorleben-Veteranen zum Fulltime-Naturschützer hingelegt und ist mit 50 Jahren frischgebackener Vater. Als zum einen ein Investor sein Kapital durch Landkauf um Unterleuten herum gerade rechtzeitig vor der Wirtschaftskrise rettet und zum anderen der Windenergie-Konzern Vento Direct einen Windpark errichten will, eskalieren die Dinge im Dorf.


    Zusätzlich zu den üblichen Konflikten zwischen Alt und Jung, zwischen Ex-DDR-Kadern, Wendehälsen und Zugezogenen, zwischen Idealisten und Absahnern stellt sich nun die lebenswichtige Frage, wem welche Flurstücke gehören und wer an wen verkaufen würde, damit die Ansiedlung möglich wird. Das entscheidende Rädchen im Getriebe war bisher Gombrowski, der nach der Wende noch in letzter Minute vor der Zwangsauflösung die Umwandlung der ehemaligen LPG Gute Hoffnung in die Ökoligica GmbH hinlegte. Gombrowski hat sich den Neid seiner Nachbarn schwer erarbeitet, pflegt gemeinsam mit seinem Gegner Kron einen seit der Zwangsenteignung der Bauern in der DDR schwelenden Groll. Kron, der Bürgermeister von Gombrowskis Gnaden, scheint darüber hinaus bisher der einzige gewesen zu sein, der auch nur einen Gedanken an Infrastruktur und Dorfentwicklung verwendete. Zudem ist Gombrowski als studierter Landwirt als einziger in der Lage, einen großen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. D. h. wer nicht nach Berlin auspendeln wollte, musste bisher bei Gombrowski arbeiten. Probleme, wo Lindas Pferd weidet und wer an welchen alten Geschichten die Schuld trug, wirken im Vergleich zu den drängendsten Fragen des Dorfes wie Kinderkram. Zur Finanzierung von Kindergarten, Straßen und Abwassersystem braucht die Gemeindekasse dringend Geld. Ohne Infrastruktur werden weder Touristen zu werben sein, noch sich Betriebe im Ort ansiedeln.


    Das Prinzip Dorf funktionierte schon von jeher als fein austariertes Geflecht aus Tauschgeschäften, sowie Vorleistungen, für die (gern auch über drei Ecken) irgendwann in der Zukunft Gegenleistungen eingefordert werden können. In eben diesem heiklen Geflecht ist nun die Entscheidung über den zukünftigen Windpark zu treffen. Lindas Vorteil in der Auseinandersetzung scheint bisher zu sein, dass niemand ihr taktisches Vorgehen zutraut, weil ja allgemein bekannt ist, dass Leute aus dem Westen keine Ahnung haben, ganz besonders die Frauen.


    In knappen, oft bissigen Dialogen lässt Julie Zeh hier Prototypen und Befindlichkeiten der deutschen Gegenwart auftreten. Allein die privaten Konflikte der Unterleutener würden einen umfangreichen Roman ergeben, von den Geschäften und der Bewältigung der DDR-Vergangenheit noch gar nicht zu reden. Nach den ersten drei Personenbeschreibungen war ich mir sicher, das Konzept einer geplanten Vorabendserie in der Hand zu haben. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das virtuelle Unterleuten auf seiner eigenen Webseite. Die Verwicklungen „unter Leuten“ sind u. a. sprachlich ein hintersinniger Genuss, wenn z. B. populäre Klischees konstruiert werden (wer einen Beamer mitbringt, gehört zu den Bösen) oder die im Ausdruck noch immer bestehende Ost-West-Teilung sich darin zeigt, dass in Unterleuten der Arbeitsplatz Arbeitsstelle genannt wird. Spannend und witzig zu lesen, wenn ich auch den Begriff Gesellschaftsroman für die Unterleutener etwas zu hoch gegriffen finde.


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    Zitat
    "Vielleicht, dachte Arne, wurden Gefühle einfach nicht so alt wie Menschen. Ab einem gewissen Alter lebten Ehepartner wie Mitbewohner in einer WG, falls sie nicht längst geschieden waren. Kinder und Eltern hörten auf, einander zu mögen, besuchten sich trotzdem und waren froh, wenn der andere wieder verschwand. Freunde verloren sich aus den Augen, Nachbarn verwandelten sich in Feinde. Liebschaften wurden lästig, alte Schulkameraden peinlich, und selbst ein Haustier fing irgendwann an zu nerven. Jenseits von jugendlichen Leidenschaften begegnete man der Welt am besten mit gut gekühltem Pragmatismus. Arne beschloss, dass das normal war, es wurde nur selten darüber gesprochen. Kein Grund zur Sentimentalität." (S. 441)


    9 von 10 Punkten
    und ein herzliches Dankeschön für das Wanderbuch

  • Ich habe schon einige Romane von Juli Zeh gelesen.


    Hier sie hat wieder einen interessanten Roman geschrieben.
    Er spielt in einem idyllischem Dorf in Brandenburg eine Stunde Fahrzeit zu Berlin entfernt.
    Ein Dorf das nach der Wende in einem struckturschwachen Gebiet liegt.
    Es ziehen Wessis aus der Stadt hier hin und wollen Veränderungen. Da gibt es natürlich Meinungsverschiedenheiten.
    Die Charaktere in dieser Geschichte sind alle grundverschieden.
    Sie kommen abwechselnd zu Wort. So erfahren wir einiges von ihren Umtrieben und ihre Sicht der Dinge


    Da sind Kron und Gombowski, die sich schon seit ihrer Kindheit nicht grün sind.
    Schaller der tut was Gombowski ihm sagt.
    Der Bürgermeister, der keinen Ärger will.
    Und die Neuen, der Vogelschützer Gerhard Fließ mit seiner Frau Jule und dem Baby. Schaller macht ihnen das Leben schwer,
    Linda Franzen will einen Pferdehof aufziehen und ihr Lebensgefährte Frederik, der in Berlin arbeitet.
    Zum Schluß kommt noch der Spekulant Konrad Meiler dazu, der so eben 250 Hektar Land kauft
    Eine Firma will Windräder in der Region aufstellen, um das für und wider wird gestritten.


    Es kommt zu vielen Verwicklungen und dann gibt es noch die Altlasten.
    Langsam entwickelt der Roman sich fast zu einem Thriller.
    Alles lebendig geschrieben, allerdings brauchte ich etliche Seiten, ehe ich mich richtig einfinden konnte. Zum Schluss war ich zufrieden.
    Ich gebe 8 von 10 Punkte

  • „Ständig glaubten alle, alles zu wissen, während in Wahrheit niemand im Bilde war. Statt miteinander zu reden, erfanden die Leute Geschichten, die sich weitererzählen ließen.“


    Dieses Zitat trifft genau das, was Juli Zeh in ihrem über 600 Seiten umfassenden Buch über die Bewohner des auf den ersten Blick so beschaulichen Dorfes Unterleuten zu erzählen weiß. Unterleuten ist ein fiktives Dorf, mit ebenfalls fiktiven Personen, deren Denkweise und Schwächen aber durchaus sehr real sind, wie man schnell erkennt.


    Schon von Anfang an faszinierte mich die intensive Schilderung der einzelnen Figuren. Sie sind perfekt zum Leben erweckt worden. Ausgestattet mit einer Vergangenheit, die im Dorftratsch eine Mischung aus Tatsachen und Gerüchten ergibt und einer Gegenwart in der recht bald die einzelnen Netzwerke klar werden.


    Die meisten Dorfbewohner leben schon seit Jahren in Unterleuten. Sie haben gemeinsam die DDR-Zeiten erlebt und ihre Lebenswege sind mehr oder weniger miteinander verknüpft. Inzwischen bereichern Zugezogene die Dorfbevölkerung, die ihren Traum vom friedlichen Landleben verwirklichen wollen.


    Nachdem man Land und Leute näher kennengelernt hat, ahnt man schon, dass unter der Oberfläche jahrelang aufgestaute Konflikte schwelen. Das könnte wohl noch lange so weiter gehen, doch ein geplanter Windpark bringt den Stein ins Rollen. Spätestens ab da kann man sich zurücklehnen und Popcorn bestellen, denn das, was die Autorin in dem kleinen Dorf mit ihren anfangs so harmlos erscheinenden Bewohnern zu entfesseln weiß, ist absolut großartig.


    Mein Fazit: Ein Roman über menschliche Eitelkeiten und Schwächen – gekonnt inszeniert und absolut lesenswert.

  • Unterleuten - Juli Zeh


    Mein Eindruck:


    Viele Juli Zeh-Bücher habe ich schon gelesen und die meisten für gut befunden. Deswegen war ich überrascht, dass ich stellenweise keinen Zugang zu Unterleuten fand.


    Der Roman hat schon viele gute Kritiken, doch ich halte es für überschätzt.


    Keine der Figuren funktionierte komplett für mich.
    Während Jule und Gerhard mich anfangs leicht nervten, wusste ich mit Linda wenig anzufangen.
    Bodo Schaller konnte mich interessieren, es bleiben auch bei ihm Fragezeichen. Ein rauer Typ, der von seiner Frau verlassen wurde und der einen Unfall und Koma überlebte, aber absolut rücksichtslos im Umgang mit seinen Nachbarn ist. Ein Mann fürs Grobe!
    Zu den farbloseren Figuren gehört kurioserweise Gombrowski, obwohl er doch der Macher und bedeutende Persönlichkeit sein soll. Bei Kron und Seidel gab es wieder ein paar spannendere Ansätze, doch auch hier wurde zu wenig daraus gemacht.
    Die Figurenkonstellation krankt daran, dass alles deutlich spürbar viel zu konstruiert ist.


    Sprachlich war es relativ flach, was okay ist, wenn die Themen so besser transportiert werden. Manche Abschnitte haben mich gelangweilt. Erst spät war ich richtig im Buch drin.


    Unterleuten ist ein umfangreicher Roman mit vielen Seiten, wenn auch mit großer Schrift.
    Es gibt einige gute Passagen und viel Leerlauf. Immerhin, die angespannte Stimmung im Dorf Unterleuten konnte spürbar gemacht werden und auch wie es auf Eskalation und einem dramatischen Ende hinausläuft!

  • Meine Meinung:


    Ich habe gespannt auf ein neues Buch von Juli Zeh gewartet und dementsprechend hoch waren meine Erwartungen, die vielleicht deswegen mit diesem Roman enttaeuscht wurden. Die Autorin konstruiert hier ein idyllisches Dorf mit unterschiedlichsten Charakteren und geht detalliert auf ihre Hintergrundgeschichten ein. Der Roman gewinnt dadurch eine beachtliche Laenge, unglücklicherweise wird sie dadurch aber nicht unbedingt tiefgründiger oder einfallsreicher sonder aehnelt eher einer Fernsehserie, hat mich bisschen an Desperate Housewives erinnert, was für mich eher negativ behaftet ist. Daran sind mit Sicherheit die erheblich karikaturisierten Charaktere schuld, zu denen ich kaum Zugang gefunden habe.


    Mit der Vielzahl parallelen Geschichten und Nebenhandlungen will die Autorin anscheinend immer wieder denselben Grundgedanken vor Augen führen, was ihr zwar auch gelingt, aber ich finde es schade, dass sie es nicht praegnanter und kürzer rüberbringen kann und stattdessen den Roman in vielen Nebenschauplaetzen ausufern laesst.


    Ich habe waehrend der Lektüre der früheren Romane der Autorin immer geglaubt, dass Juli Zeh ihre wahre Erzaehlkraft finden wird, wenn sie eine schlichte Sprache benutzt, weil sie eine tolle Geschichtenerzaehlerin ist. In diesem Roman ist ihre Sprache leider nicht nur schlicht, sondern auch einfach flach und teilweise plump. Das Buch hat sich zwar sehr schnell und einfach lesen lassen aber es hat mir im sprachlich-literarischen Sinne auch keine besondere Freude bereitet.


    Obwohl ich nun so viele negative Aspekte aufgelistet habe, fand ich den Roman insgesamt nicht schlecht. Besonders hat mir die teilweise subtile, teilweise sehr direkte und rigorose Gesellschaftskritik gefallen, die Juli Zeh ohnehin fabelhaft beherrscht und hier großartig in ihren Roman einwebt. Besonders gegen Ende des Romans hat es mich begeistert, wie hervorragend die Autorin den Zeitgeist erfasst und von allen Seiten schonungslos bloßstellt, und wie sie die 90er-Jahre-Generation sehr zutreffend beschreibt.


    Für mich ein eher durchwachsenes Leseerlebnis, von mir 6/10 Punkte.

  • Ein schockierend wahres Buch über die Abgründe einer dörflichen Gemeinschaft, die scheinbar intakt ist, in Wahrheit aber an den eigenen Ansprüchen und den persönlichen Interessen der Bewohner zugrunde geht.


    Mein erstes Buch von Juli Zeh und ich hatte schon Bedenken ob des Umfangs und des Themas, aber die fortschreitende Zersetzung des dörflichen Lebens ist sehr lebendig beschrieben. Mit all seinen Altlasten und Animositäten, Missverständnissen zwischen Eheleuten und alten "Freunden" versteht die Autorin es, den Leser mit in den Strudel des Verderbens zu reißen. Absolutes Highlight


    10 Punkte

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • „Unterleuten“ ist mein zweites Buch von Juli Zeh. Eigentlich hatte ich vor, nach „Spieltrieb“ von ihr kein Buch mehr zu lesen, aber der Inhalt des Buches – Milieustudie eines deutschen Dorfes im näheren Einzugsgebiet der Bundeshauptstadt Berlin – hat mich doch sehr angesprochen.
    Es geht um die ungeschriebenen Gesetze eines Dorfes, um die Machtverhältnisse, die sich über Jahrzehnte und Generationen hinweg herausgebildet haben. Diese Machtverhältnisse können jedoch auch schnell sehr zerbrechlich sein, sobald sich entweder die äußeren Bedingungen oder aber die Zusammensetzung der Dorfbewohner sich ändert.


    Unterleuten liegt südlich von Berlin im beschaulichen Brandenburg und hat demnach im letzten Jahrhundert zwei politische Diktaturen erlebt. Macht hat die Familie erlangt, die sich mit den jeweiligen Gegebenheiten am besten arrangieren konnte. Nun gehört dieses Dorf seit 25 Jahren zur Bundesrepublik, seine Bewohner sind mittlerweile älter geworden und die in der Vergangenheit geknüpften Seilschaften unterliegen einer Belastungs- bzw. Zerreißprobe.


    Für meine Begriffe versteht Juli Zeh es sehr gut, die potenziell wirkenden Kräfte in der Dorfgemeinschaft darzustellen. Es ist eine Detailbeschauung eines kleinteiligen Bestandteils eines vergleichsweise großen und reichen Landes mit ihren menschlichen Eigenarten. Dorfleben muss so nicht ablaufen, wird es sicher in einem der vielen tausend Dörfer in Deutschland aber sicherlich.


    Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich vergebe dafür 9 Punkte.

  • Unterleuten ist nicht das erste Buch von Juli Zeh, das ich gelesen habe.
    Mir hat die unterhaltsame Entlarvung der scheinbaren Dorf-Idylle zunächst gut gefallen, ich mag die überzeichneten Charaktere, die Juli Zeh hier produziert hat. Sie stellen jeweils Typen dar, die "man" aus dem Leben kennt, manches ist leicht überspitzt dargestellt, anderes wirkt skurril. Das Zusammentreffen der aus Berlin Zugezogenen mit den Alteingesessenen machte neugierig und ich musste oft grinsen.
    Die mehr oder weniger kuriosen Wendungen, die das Geschehen nimmt, waren dazu geeignet, weitgehend Spannung zu schaffen und zu halten. Das Aufdecken der Drahtziehereien hinter den Kulissen war amüsant, vieles davon war aber nicht wirklich neu und überraschend, jedenfalls für mich. Zum Ende hin erlahmte mein Interesse zusehens, denn für für meinen Geschmack war die Story schon ausgereizt, bevor der Roman endete. Die düstere Weltsicht, die die Grundlage dieses Romanes ist, wird nicht durch irgendwelche "HappyEnd-Kicks" aufgeheitert, jedoch hier und da ein wenig abgemildert, wobei mir zum Teil nicht ganz klar wurde, inwieweit Ironie im Spiel ist.


    Ich kann mich jetzt, eine knappe Woche nach dem Beenden des Romanes, nur noch bruchstückhaft an den Schluss erinnern, es belibt lediglich eine Erinnerung an das Gefühl von Vergeblichkeit und Ödnis, das nach dem Lesen blieb.


    Gesamteindruck: 8/10 Eulenpunkten

  • Gleich vorweg, ich hatte nicht all zu große Erwartungen an das Buch, fast hatte ich ein wenig gezweifelt, ob dieses Buch, das quer durch alle Medien hinweg gelobt wurde, auch mich begeistern würde.


    Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen ebenso beeindruckenden wie großen Gesellschaftsroman vorgelegt. Anhand des kleinen brandenburgischen Dorfes Unterleuten schreibt sie vom Zusammenleben der Menschen, von Störenfrieden und unterschiedlichen Lebensvorstellungen und -plänen, die letztlich das ganze Dorf betreffen. Von persönlichen Animositäten bis hin zum großen Konflikt lernt der Leser alles über die nur zum Teil eingeschworene Gemeinschaft. Es gibt die Alteingesessenen, die Neu-Unterleutener, die ewig Gestrigen, die Wendehälse, die Karrieristen und die Aussteiger, die Wir-lassen-alles beim Alten- und die Wir-wollen-alles-besser-machen-Menschen. Die Charaktere sind als Typen, mitunter etwas überspitzt, dargestellt. Sie sind nicht immer liebenswert, manche kauzig, andere egoistisch, einige weltfremd. Aber alle wirken in ihrem Tun (und Lassen) durchaus glaubhaft, ehrlich und überzeugend. Alle kamen mir doch auf die eine oder andere Art bekannt vor, weil die Autorin das Spezielle, die für den Brandenburger typischen Eigenschaften so treffend auf den Punkt brachte. Hätte ich diesen Roman gelesen, ohne zu wissen, in welcher Gegend er angesiedelt wurde, zielsicher hätte ich auf meine alte Heimat getippt.
    Trotz des durchaus vorhandenen Lokalkolorit ist dieser Roman weit entfernt von einem Abbild einer heilen Welt. Unterschwellige, seit Jahrzehnten sich entwickelnde Konflikte treten mehr oder weniger offen zu tage, alte Seilschaften brechen auseinander, neue entstehen. Die verschiedenen Interessen sind kaum vereinbar.


    Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh nicht nur dem Blick des Lesers auf einen kleinen Ort im Brandenburgischen gelenkt. Sie lenkt ihn damit auch auf Probleme unserer gesamten Gesellschaft, für die sie durchaus kritische Worte findet.


    Eine wirkliche Herzensperson, mit der man mitfiebern kann gibt es in diesem Roman nicht, jedenfalls für mich nicht. Vielmehr rücken die verschieden, zum Teil auch unvereinbaren Interessen in den Blickpunkt des Betrachters.


    Es wurde auch nicht von Beginn an deutlich, wer mit wem oder gegen wen agierte, die Beziehungen verändern sich recht häufig, doch im Laufe der Handlungsentwicklung ergibt sich ein sehr umfassendes, komplexes Bild der dörflichen Gemeinschaft.


    „Unterleuten“ ist ein gesellschaftskritischer Roman, der zum Nachdenken und diskutieren anregt. Für mich ist er ein Lesehighlight geworden. Mit viel Interesse besuchte ich auch die Seite im Internet, die neben dem Plan des Dorfes auch einen zusammenfassenden Einblick in das Who is who der Dorfgemeinschaft gibt.


    edit hat den Link korrigiert.

  • Danke für den.Link, den hatte ich ja noch gar nicht entdeckt. Juli Zeh hat ohnehin viel über ihr Buch hinaus zum Leben erweckt. Dieser Lebensberater und Erfolgscoach hat ja auch ein eigenes Buch erhalten. Geniales Marketing. :anbet

  • Mir war zwar bekannt, daß der Roman "UnterLeuten" von Juli Zeh seit Wochen auf der Bestsellerliste geführt wird, hatte mich aber bis dato nicht dafür interessiert. Im Urlaub strahlte mich der Roman dann im Hotelbücherschrank neben jeder Menge Lokalkrimis, Thriller und Love and Landescape-Romane förmlich an, und ich dachte "ach, schau ihn dir doch wenigstens mal an".


    Schnell hatte mich Juli Zeh mit ihrer Geschichte um eine eingeschworene brandenburgische Dorfgemeinschaft und einige Zugezogenen gefangen. Ihre Figurenzeichnungen sind überzogen bis hin zur Karikatur, aber nur so konnte ich die dargestellten menschlichen Schwächen und Widersprüchlichkeiten ertragen, die sich zeigen, sobald Wertvorstellungen und Ideale mit persönlichen Ansprüchen nicht in Einklang zu bringen sind. Ich bin sicher, daß die meisten Leser bei fast jedem vorgestellten Charakter von sich behaupten können, daß sie so jemanden doch auch kennen (und dabei selbstverständlich nicht an sich selbst denken). Juli Zeh verknüpft dies mit einer Handlung, bei der man schon früh ahnt, daß das nicht gut ausgehen kann. Spannung ist also garantiert, nur selten stellen sich kleinere Längen ein. Ein großer Gesellschaftsroman ist daraus aus meiner Sicht nicht geworden, auch wenn viele gesellschaftliche und historische Themen gestreift werden, aber intelligente, gesellschaftskritische und spannende Unterhaltung bietet "Unterleuten" von Juli Zeh auf jeden Fall.


    9 von 10 Punkten

  • Ein Kaff im erweiterten Speckgürtel von Berlin, hier treffen Welten aufeinander. Von Abgeschiedenheit und Sozialismus gleichermaßen geprägte Alteingesessene, die über Jahrzehnte ihre Angelegenheiten unter sich ausgemacht haben, bekommen zunehmend neue Nachbarn, junge Stadtflüchtlinge, die allerdings ihre ganz eigenene Vorstellungen vom Landleben haben.
    Linda braucht in erster Linie Platz für ihr Pferd, und um den zu bekommen, nutzt sich nicht nur geschickt Spannungen und Konflikte im Dorf aus, sondern spannt auch einen vermeintlich knallharten Investor aus dem Westen für ihre Zwecke ein. Ihr Freund ist irgendwie nur mit.
    Gerhards neuer Lebenszweck dagegen ist nach einer gescheiterten Unikarriere der Schutz der Restpopulation an Kampfläufern vor Windrädern, Pferdeställen und der LPG. Frau und Kind sind irgendwie nur mit.
    Die Neubürger treffen also auf eine Dorfgemeinschaft, in der es vor unterschwelligen Konflikten nur so wimmelt. Kaum einer, vom Bürgermeister und Kathrin Kron vielleicht mal abgesehen, führt ein einigermaßen zufriedenes Leben zu führen, Freundschaften wirken eher wie Bündnisse gegen die Gegner.
    Die Zugezogenen sind also nur der Funken, der das Pulverfaß Unterleuten zum Explodieren bringt.


    Das ist alles sehr hübsch konstruiert, aber leider schafft es Juli Zeh nicht, diese Konstruktion unter dem Roman zu verbergen. Ich hatte das Gefühl, dass es zu jeder Figur einen ausführlichen Waschzettel gäbe, nur leider wurden dann auf der Bühne dieses Buches nicht die Figuren, sondern lediglich die Waschzettel bewegt. Denken und Motive der Figuren werden zwar ausführlich erklärt, doch kaum eine handelte für mich nachvollziehbar.
    Obwohl Julie Zeh selbst auf einem Kaff in Brandenburg wohnt, kam mir der ganze Roman vor wie das buchgewordene Bild, das sich überzeugte Städter vom Dorfleben machen. Das ist zwar immer noch angenehmer als die Rosarote-Brille-Landidyll-Ergüsse eines Max Moor, überzeugen konnte es mich aber auch nicht.


    Edith hat gerade festgestellt, dass sich meine Meinung weitestgehend mit der von Herrn Palomar deckt :wave

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

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  • Berufsziel: Romanarchitekt


    Glaubt man den Bekundungen in Autorenforen und -blogs, dann teilen sich die Schriftsteller Deutschlands in zwei Fraktionen, wenn es um die Umsetzung von Romanprojekten geht: Während die so genannten Bauchschreiber, mit einer Idee beginnend, ihren Gefühlen praktisch freien Lauf lassen und ein emotionales Ballett mit ihren Figuren tanzen, planen die so bezeichneten Kopfschreiber minutiös und einem präzisen Kalkül folgend jedes Kapitel, jede Szene, manchmal sogar jeden Absatz, bevor sie mit der eigentlichen Schreibarbeit beginnen. Es dürfte zulässig sein, Juli Zeh als die Kaiserin, vielleicht sogar die Göttin dieser Fraktion zu bezeichnen. Sehr wenige Autoren - nicht nur im deutschsprachigen Raum - dürften die Kopfschreiberei auf diese Weise auf die Spitze treiben: Juli Zeh ist keine Schriftstellerin, sie ist eine Romanarchitektin.


    Irgendwo in der Ostprignitz, wir schreiben das Jahr 2010, es ist Sommer und ungewöhnlich heiß. Auf der verblüffend gut besuchten Gemeindeversammlung des 200-Seelen-Dorfs "Unterleuten" (der nächste Ort heißt "Groß Väter") wird von Bürgermeister Arne Seidel verkündet, dass demnächst zehn Windräder auf dem zur Gemeinde gehörenden Land aufgestellt werden. Es geht nicht mehr um die Frage, ob, sondern nur noch darum, wo es geschehen soll. Die Eignungsflächen reduzieren sich alsbald auf die "Schiefe Kappe", einen Hügel am Ortsrand, und die drei Stücken Land, um die es konkret geht, befinden sich im Eigentum von Kron, einem Altkommunisten, Konrad Meiler, einer Heuschrecke aus Ingolstadt, und Linda Franzen, einer selbstverliebten, zugezogenen Pferdeflüsterin, die sämtliche Lebensweisheiten einem Tschaka-Ratgeber mit dem Titel "Dein Erfolg!" entnimmt, verfasst von einem gewissen Manfred Gortz. Dieses Buch gibt es übrigens tatsächlich, man kann es kaufen - allerdings verbirgt sich hinter Manfred Gortz niemand geringeres als Juli Zeh höchstselbst.


    Die Figurenschar ist noch um einiges größer, wie auch das Beziehungsgeflecht, das Fundament von "Unterleuten". Da sind der zum Vogelschützer mutierte, ehemalige Soziologe Gerhard mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau Jule nebst Baby Sophie - alle drei aus Berlin -, deren Nachbar Schaller, der seit einem Unfall unter Gedächtnisverlust leidet und an der Grundstücksgrenze pausenlos Reifen verbrennt, dazu Frederick, der entscheidungsunfähige Freund von Lina Franzen - und viele mehr. Vor allem aber ist da Gombrowski, Sohn der ehemaligen Gutsherren, denen alles um Unterleuten herum gehörte, Ex-Chef der LPG und Geschäftsführer der "Ökologica", des landwirtschaftlichen Betriebs, von dem letztlich alle im Dorf leben, und der in den frühen Neunzigern nach einer schweren dörflichen Krise aus der LPG hervorgegangen ist. Gombrowski ist der Intimfeind von Kron, aber so richtig grün ist sich hier sowieso keiner. Das Soziotop lebt von Gefälligkeiten und eingeforderten Altschulden, vom Geben und Nehmen, von Gerüchten und vom Buschfunk, und es wird beherrscht vom dicken Gombrowski, der mit den Windrädern die "Ökologica" retten will, dabei aber die Rechnung ohne ein paar Unbekannte gemacht hat. Oder doch, wie man will. Und außerdem gab es da diesen Todesfall. Der nicht der letzte bleiben wird.


    Juli Zeh erzählt in diesem wort- und seitenmächtigen Opus jeweils aus der Perspektive eines der Beteiligten, von denen übrigens kein einziger sympathisch ist. Das Personal von "Unterleuten" besteht tatsächlich aus literarischen Figuren im Wortsinn, aus fiktiven Gestalten, die außerordentlich präzise, originell und glaubwürdig gezeichnet sind, aber keinen noch so kleinen Schritt aus der Rolle heraus machen: Sie gehören und gehorchen der Meisterin. Präzise und nüchtern, fast schon ein wenig steril kommen diese Leute daher, und die Gefahr der Verwechslung wächst mit der geschilderten Unterschiedlichkeit. So habe ich die "großen" Widersacher des Romans, Kron und Gombrowski, bis zur letzten Seite nur schwer auseinanderhalten können, obwohl es körperliche, politische und soziale Unterscheidungsmerkmale zuhauf gibt: Emotional sind sie sich äußerst ähnlich, und ihr Verhalten gleicht sich fast. Das gilt nicht nur für diese beiden Exponenten. Es ist hinreißend, fast schon unglaublich, wie Juli Zeh etwa die Soziologengattin Jule skizziert, wie sie deren Entscheidungen verdeutlicht und die seltsame Ehe begründet, doch die Gefühlsebene bleibt diffus, kostümhaft und schwer erreichbar. Hier zeigt sich, dass auch die Königin der Kopfschreiber gelegentlich dem Rumoren des einen oder anderen Hormons lauschen sollte.


    Aber das ist Nörgelei auf extrem hohem Niveau. "Unterleuten" ist sprachlich ein Fest, ein Text zum Niederknien, bei dem jeder Satz stimmt, jeder Terminus genau trifft, jedes Bild exakt gezeichnet ist. Die soziologischen und politischen Analysen sind brillant, die Figuren, allesamt als Archetypen angelegt, sind stimmig bis ins Detail, solide unterfüttert und mit starker Hand geführt. Dazu gesellt sich ein allerfeinster, nicht notwendigerweise immer nur leiser Humor - dieser Juli Zeh-Roman ist grundkomisch, insgesamt ein Riesenspaß, mal auf äußerst subtile Weise, dann wieder sehr direkt. Da stört es fast überhaupt nicht mehr, dass es sich letztlich um ein Opus Magnum auf emotionaler Diät handelt, denn das Fehlen der Gefühle - nicht nur der großen - gleicht Juli Zeh mit anderen Aspekten um ein Vielfaches aus.

  • Titel: Unterleuten
    Autorin: Juli Zeh
    Verlag: Luchterhand
    Erschienen: März 2016
    Seitenzahl: 639
    ISBN-10: 3630874878
    ISBN-13: 978-3630874876
    Preis: 24.99 EUR


    Das sagt der Klappentext:
    Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist ...


    Die Autorin:
    Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Ihr Roman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem "Deutschen Bücherpreis" (2002), dem "Rauriser Literaturpreis" (2002), dem "Hölderlin-Förderpreis" (2003), dem "Ernst-Toller-Preis" (2003), dem "Carl-Amery-Literaturpreis" (2009) und dem Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (2009). 2013 wurde sie mit dem"Thomas Mann Preis" für ihr "vielfälgiges Prosawerk" geehrt, 2014 mit dem "Hoffmann-von-Fallersleben-Preis" für zeitkritische Literatur. Juli Zeh lebt in Leipzig.


    Meine Meinung:
    Von diesem Roman hatte ich mehr erwartet – viel mehr sogar. Beliebig, eher nichtssagend , vergleichbar mit solchen dümmlichen Fernsehserien wie „In aller Freundschaft“. Dabei kann Juli Zeh es nun wirklich besser.
    Die Geschichte plätschert lustlos durch die Seiten, keine Höhepunkte – dafür aber klischeebeladen bis zum Anschlag. Und als Leser fragt man sich Ende: Was wollte die Autorin eigentlich sagen? Oder hat sie einfach drauflos geschrieben, ohne einen echten Plan?
    Es sind diese Bücher, die die Welt nicht braucht – Bücher die wohl kaum mehr als zwei Tage im Gedächtnis bleiben; wenn überhaupt so lange.
    Nee, das war weniger als nichts – das war gar nichts.
    Aber natürlich muss es auch solche Romane geben. Der Mensch brauch ja schließlich Dinge über die er sich ärgern kann. Und dieser Roman ist ein echtes Ärgernis.
    Verschwendete Lebenszeit, Verschwendung von Ressourcen durch Reduzierung des Baumbestandes zur Herstellung von Papier.
    Um es vielleicht einfach mal in einem Satz zu sagen: Juli Zeh hat auf 639 Seiten eigentlich nichts gesagt. 3 Eulenpunkte für eine sehr schwache Leistung.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Dieser Roman war für mich der erste der Autorin und hat mir gut gefallen.


    Der Anfang zieht sich durch die Einfürung der verschiedenen Erzählstimmen, die sich erstmal alle gleich anhören, ziemlich in die Länge. Ich war ein paar Mal versucht, das Buch abzubrechen. Aber irgendwie konnte ich nicht aufhören, mich in die Machenschaften dieses Kaffs reinziehen zu lassen.


    Die Charaktere sind alle sehr klischeebeladen und wirken oft hölzern.
    Aber der Erzählstil ist spitze. Die Beschreibungen und der ganze Aufbau haben mich beeindruckt. Ich kann nicht genau festmachen, woran es liegt, aber alles in allem hat mich das Buch dann doch überzeugt. Trotz der Übermacht von schlecht rübergebrachten Protagonisten.


    Toller Rahmen (Erzählstil) mit flachen Pappkameraden.


    8 Punkte

  • Das ist mein erstes Buch von Juli Zeh und es hat mich sehr begeistert. Die Geschichte ist glaubwürdig und stimmig, die Charaktere sind allesamt glaubhaft. Es gibt diese Art von Menschen, überall.


    Ich kenne Unterleuten. Unterleuten liegt circa eine halbe Stunde von meinem Wohnort im äußersten Berliner Stadtgebiet entfernt. Ich suche es im Sommer auf, wenn ich mich nach der Ruhe eines klaren Sees sehne oder im Winter, wenn ich grauen Stadtmatsch gegen ein Wintermärchenland tauschen möchte. Unterleuten, das ist der Ort, der in der Eifel liegt oder im Westerwald, in dem ich Teile meiner Jugend verbringen musste. Ein auf den ersten Blick idyllischer Ort, durchzogen voller Geklüngel, Gerede und Menschen, die immer nur "das Beste" wollen für ihre Gemeinde, wobei eine Hand die andere wäscht. Zugezogene werden beäugt und zerredet und da können sie sie sich noch so sehr in Kirmes-, Schützen-, oder Karnevalsvereinen anmelden- dazugehören werden sie nie. Die Autorin strikt diesen Mikrokosmos geschickt in unsere heutige Zeit hinein, in der junge Hipster auf der Suche nach der besten Nahrung einen REWE aufsuchen, um dort "regionale Produkte" zu kaufen, und ihren Traum vom Landleben mit der stets erreichbaren Urbanität vor der Tür ausleben.


    Zum Plot selbst ist wohl genug geschrieben worden, meiner Meinung nach ist das alles exzellent beobachtet und (bis auf den Schluss vielleicht) rundum glaubhaft und sehr gelungen. Die Autorin gibt Denkanstöße und rechnet auch ein bisschen ab mit der Generation, die immer stets auf Selbstoptimierung gepolt wurde und nur noch vor einer Sache Angst hat- davor, einen Fehler zu machen und durch jemand Leistungsfähigeren ersetzt zu werden.


    Nachdem ich Unterleuten ausgelesen hatte, fiel mir dieser Bericht hier in die Hände, den ich ganz interessant fand:


    Windkraft: Der Kampf um die Windmühlen


    da musste ich sofort wieder an Schaller, Kron, Gombrowski, Fließ und alle anderen Figuren denken. :0)


    Gut gemacht, Frau Zeh. Ein tolles Buch. Dann werde ich mal sehen, was ich mir als nächsten Lesestoff von Ihnen so besorge.

    Ailton nicht dick, Ailton schießt Tor. Wenn Ailton Tor, dann dick egal.



    Grüße, Das Rienchen ;-)

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  • „Unterleuten“ ist wahrscheinlich das erste Hörbuch, bei dem ich es bereue, mich für die ungekürzte Fassung entschieden zu haben. Die Charakterstudien im Roman sind zwar sehr vielschichtig und gut ausgearbeitet, allerdings viel zu weitläufig. So wie die ganze Geschichte. Es ist nicht einfach, wenn zum Beispiel bei stundenlangen Dorfversammlungen über Windräder diskutiert oder mehrmals in der Geschichte der neuste Klatsch ausgetauscht wird. Ich brauche auch nicht zu jeder Figur den kompletten Werdegang inklusive lang zurückliegender Anekdote erklärt bekommen. Auch die subtil gewählte Sprache wertet da nicht so viel auf. „Unterleuten“ ist wie eine aufgeblähte, deutsche Version von Stephen Kings „Needful things“ oder J.K. Rowlings ebenfalls nicht so gelungenem „Ein plötzlicher Todesfall“. Zum Ende hin spitzen sich die Ereignisse zwar etwas zu, jedoch nicht wirklich dramatisch. Außerdem bleibt selbst das weitläufig.

    Keine Frage, der Roman hat durchaus seine Momente. Zum Beispiel, wenn Gombrowski über das Leben philosophiert. Trotzdem sind das bloß kurze Lichtblicke in einem ansonsten grenzenlos ausufernden grauen Nebel.