Müssen Romanfiguren sympathisch sein ?

  • Zitat

    Original von beisswenger


    Möglicherweise haben die meisten Frauen über dreißig so schlechte Erfahrungen mit ihren Beziehungen gemacht, dass sie wenigstens im Buch eine positive Hauptfigur erleben möchten.


    Es scheint wirklich eine Altersfrage zu sein. Mit 25 glaubst du noch, dein total verpeilter Kollege wird spätestens mit 30 den Faden in seinem Leben wiederfinden. Über 30 genügt dir die Verpeiltheit tagsüber und du willst sie nicht noch zwischen Buchdeckel gepresst haben.

  • Wann ist eine Romanfigur überhaupt sympathisch und warum wird sie überhaupt als sympathisch empfunden?


    Die Beantwortung der hier gestellten Frage ist dazu noch vom Zeitgeist abhängig. Wenn ich erfolgreiche Unterhaltungsromane aus dem 20. Jahrhundert z. B. mit solchen aus dem 21. Jahrhundert vergleiche, fällt mir immer wieder auf, dass viele Romanfiguren, die zu ihrer Zeit als Sympathieträger/innen wahrgenommen wurden, das heute nicht mehr sein könnten. Auf der anderen Seite aber hätten die heutigen als Sympathieträger/innen konzipierten Figuren wahrscheinlich früher keineswegs es als solche geschafft, das Buch zum "Seller" oder sogar "Bestseller" zu machen.


    Dazu ein Beispiel:
    Ich habe vor einiger Zeit einen historischen Roman gelesen (geschrieben vor etwa 80 Jahren), nach heutigen Kriterien wäre er eindeutig eine "Biofic". In einer Rezension bei Amazon heißt es dazu in etwa: "Ich habe noch nie so um eine Hauptfigur gebangt."


    Im 20. Jahrhundert vermute ich, dass diese Figur aufgrund ihres Charaktersprofils (obwohl die Autorin hier sicher historische Fakten berücksichtigen musste) tatsächlich als Sympathieträger rübergekommen ist, was auch die Meinung der Rezensentin widerspiegelt, eine Hauptfigur, um die sich Leserin sorgen macht und bei sie hofft, dass sich letztlich doch noch alles zum Guten wendet.


    Heute aber im 21. Jahrhundert bin ich mir dagegen sehr sicher, dass diese Figur für die meisten Bücher-Eulen hier kein Sympathieträger wäre, und das aus folgenden Gründen.


    Ein komplexer, "innerlich zerrissener" Charakter, was die Helden/innen der zurzeit beliebten Bücher und Buchserien nicht mehr sind und wohl auch gar nicht sein dürfen, wenn sie am Buchmarkt ankommen sollen, wie mir viele Rezensionen und auch Interviews mit Autoren/innen zeigen.


    Außerdem hat die Hauptfigur noch einen "schweren" Fehler aus heutiger Sicht. Sympathische Figuren sind heute immer "aktiv. Zwar gilt es als notwendig, eine sympathische Hauptfigur erst einmal (vordergründig) sehr leiden zu lassen und zwar in Masse (ein Ratschlag, der mir bisher noch in jeder Schreibwerkstatt / in jedem Kurs untergekommen ist), aber vordergründig ist eine "sympathische" Figur (noch dazu eine männliche) nie passiv und duldet das einfach nur oder fügt sich in ihr Schicksal.


    Weiter ist wichtig, dass Hauptfiguren am Schluss "Sieger" und am Leben sind. (Die wenigen Bücher, in denen das nicht der Fall ist, lassen sich an den Fingern abzählen und selbst da ist es interessant zu beobachten, wie immer versucht wird, doch noch so etwas wie ein wenig "Happyend" reinzukriegen.)


    Auch in diesem Punkt ist diese Hauptfigur aus dem 20. Jahrhundert aus heutiger Sicht problematisch. Zwar gehört sie letztlich nicht zu den Verlierern, aber sie endet eben nicht als der "strahlende Sieger".

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    Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt. (Georg Christoph Lichtenberg)

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  • Zitat

    Original von Teresa
    Wann ist eine Romanfigur überhaupt sympathisch und warum wird sie überhaupt als sympathisch empfunden?


    Gibt es da objektive Kriterien? Oder ist das Empfinden von Sympathie resp. Antipathie nicht ein rein subjektive Wahrnehmungsverhalten?


    Beispiel (etwas an den Haaren herbeigezogen):
    Da ist der sadistische Serienmörder - auf den ersten Blick ein Unsympath der allerersten Ordnung; aber dann gibt es aber auch Leserinnen/Leser die eine solche Figur - aus welchen Gründen auch immer - wiederum sympathisch finden.


    Es ist nicht wichtig ob handelnde Personen sympathisch oder unsympathisch sind - wichtig ist für mich, das sie glaubwürdig wirken, dem jeweiligen Genre entsprechend.


    Lange Rede kurzer Sinn: Ich bin der Ansicht, dass die Wahrnehmung ob sympathisch oder unsympathisch rein subjektiv ist.


    Lasse mich aber gern durch eine gute Argumentation auch vom Gegenteil überzeugen.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Zitat

    Original von Tom
    Es gibt eine Grundregel fürs belletristische Schreiben: Der Protagonist sollte zwei herausragende gute Eigenschaften haben und eine schlechte, der Antagonist umgekehrt. Jemand, der zwei herausragende gute Eigenschaften hat, ist irgendwie ganz automatisch sympathisch. Oder langweilig. ;-)


    Ich hab das jetzt nicht empirisch untersucht, aber so in etwa funktioniert das bei mir. Wahrscheinlich, weil ich eine Frau über 30 bin.


    Der Protagonist sollte nicht zu perfekt sein, denn eine Figur nur mit positiven Eigenschaften ist schnell eine Mary Sue. Und Mary Sues nerven. Ich mag das auch nicht, wenn - gerade weibliche Figuren - toll sind, aber über ihre Füße stolpern. Also mit liebenswerten kleinen Alibi-Macken ausgestattet werden, um nicht zu perfekt zu sein.


    Der Antagonist sollte nicht einfach nur abgrundtief böse sein, das ist dann ja auch langweilig. Faszinierend ist für mich eher eine widersprüchliche Figur mit inneren Konflikten. Insgesamt geht es mir weniger um Sympathie als um Faszination. Ich würde mir zum Beispiel ein Buch mit Severus Snape als Hauptfigur kaufen, aber nicht, weil er mir sympathisch ist, sondern weil er ein paar gute Eigenschaften hat, die ich bei ihm nicht erwartet hätte und ich gerne mehr wissen würde. Dagegen ist Voldemort, der, glaube ich, einfach durch und durch böse ist, weit weniger faszinierend für mich.


    Wobei mir gerade einfällt, ich finde Figuren auch vor allem faszinierend, wenn ich nicht so viel über sie weiss. Wer weiß, vielleicht wäre Snape aber auch langweilig, wenn ich mehr über ihn wüsste, weil er dann weniger Projektionsfläche bietet. :gruebel Ich finde nichts langweiliger, als wenn ich jeden Seelenfurz einer Figur mitgeteilt bekomme.

  • Zitat

    Original von Voltaire


    Gibt es da objektive Kriterien? Oder ist das Empfinden von Sympathie resp. Antipathie nicht ein rein subjektive Wahrnehmungsverhalten?


    Ich gebe dir vollkommen recht, ich finde das auch sehr subjektiv. Sehen wir doch gerade wieder mal an der Rachel in "Girl on the Train". (Ich will nicht drauf rumreiten, es fällt mir nur ein und passt gut.) Du fandest ihr Verhalten offenbar nervig und unmöglich, ich dagegen gar nicht. Insofern stimme ich dir zu, dass es sehr mit der persönlichen Wahrnnehmung zu tun hat.


    Allerdings find ich Teresas Frage nicht unberechtigt, denn sicherlich gibt es auch hierzu Statistiken (oder könnte man machen) und es gibt vielleicht zumindest einen "Richtwert", wann eine Person sympathisch ist und wann nicht. So ähnlich, wie es Tom mit dem Protagonist und Antagonist erklärt hat.


    Tom : Danke für diese Info, da hab ich noch nie drauf geachtet und auch wenn das evtl. nicht bewusst auffällt, kann es unbewusst eine Rolle spielen. Ich bin auch sehr gespannt auf "Landeier", wenn du jetzt von der Hauptfigur diese Info lieferst.
    Was die "Frauen über 30"-Statistik angeht: Kein Plan, ob beisswenger und du ein persönliches Problem miteinander habt ( :grin), aber ich empfand jetzt deine Aussage nicht als irgendwie schlimm im Gender-Sinne (gut, evtl. auch, weil mir das hier irrelevant erschien), empfand aber beisswengers Antwort auch nur als eine mögliche Erklärung, nicht als "Angriff" gegen deine Statistik. Denn warum es so ist, würde mich sicherlich schon interessieren, auch wenn das für dich als Autor evtl. unerheblich ist. Aber das nur am Rande.


    Übrigens fiel mir doch ein, dass ich z.B. "Die Insel" von Richard Laymon (zumindest zum damaligen Zeitpunkt) richtig gut fand, obwohl die Hauptfigur vielen sehr auf den Geist ging. Sympathisch fand ich die Figur Rupert nicht, aber das hat meine Freude an dem Buch nicht geschmälert. Und ja, es mag sein, dass ich auch viele Thriller gut fand, obwohl ich den sadistischen Mörder (danke an Voltaire für diese "Erinnerung") nicht mochte.


    Aber im Endeffekt ist es bei mir wohl doch so: Ich kann Bücher gut finden, wenn mir die Figuren unsympathisch sind. Behaupte ich jetzt. Aber wenn mir ein Buch richtig ans Herz wachsen soll, sollten mir die Figuren schon sympathisch sein. Da kann ich einfach besser eine Bindung zu ihnen aufbauen, was für mich ein wichtiger Faktor im Buch ist, weil ich einfach ein sehr emotionaler Mensch bin und bei mir viel über Gefühle läuft. Punkt. :grin

    With love in your eyes and a flame in your heart
    you're gonna find yourself some resolution.


  • Das finde ich total interessant, dieses Thema mal aus Autorensicht zu hören! Vielen Dank für diese internen Einblicke!


    Also ich bin auch eine Frau über 30 und - ich spreche natürlich nur für mich - gehöre offensichtlich nicht zum Mainstream der Käuferschaft.


    Ganz typische Lovestorys finde ich z.B. richtig furchtbar und kitschig und kann ich gar nicht haben (also alles, was nach Schema F abläuft - ER und SIE lernen sich kennen, können sich erst mal gar nicht riechen, fühlen sich dann aber ganz erstaunlicherweise unwiderstehlich zueinander hingezogen und kriegen sich natürlich letztendlich :rolleyes gääääähn...)


    Ich mag Bücher, die eine schöne Sprache haben oder einen besonderen Humor oder bisschen was Schräges oder einen besonderen Anspruch. Da spielt Sympathie/Antipathie für den Protagonisten oft gar keine Rolle.


    Zum Beispiel war ich sehr bewegt von "Der Junge im gestreiften Pyjama" oder "Das Mädchen am Rande der Stadt" - aber das sind ja Bücher, die mit dem beklemmenden Inhalt fesseln.


    edit:


    Noch zwei Beispiele:


    "Niemand ist eine Insel" fand ich ein tolles Buch, weil es sehr gut geschrieben war, viele interessante Verwicklungen vorkamen, berührende Einblicke in die Welt von Behinderten gab. Die Protagonistin Sylvia Moreno war allerdings extrem unsympathisch!



    "Still Alice" dagegen hat mich total genervt (obwohl ich weiß, dass viele das Buch sehr gut finden). Ich fand das Thema Alzheimer zwar sehr interessant, aber mich hat total genervt, dass die Protagonistin irgendwie überhaupt nicht interessiert war, dass sie ihre persönlichen Erinnerungen verliert, sondern das einzig Schlimme an allem schien zu sein, dass sie dann "nicht mehr lehren kann" - denn sie war eine College-Professorin! Und ihre Lehren und ihre überragenden Erkenntnisse und ihre Klugheit schienen das einzig Wichtige zu sein. Wenn sie mit ihrer Tochter gesprochen hat, gings auch immer nur darum, dass sie doch studieren soll - der Rest vom Leben ihrer Tochter schien sie gar nicht zu interessieren. Das hat mich extrem genervt an der Figur, weil sie mir ungeheuer elitär und arrogant vorkam und weil ich einfach auch nicht glauben kann, dass das alles ist, worüber man sich Gedanken macht, wenn man mit Ende 40 an Alzheimer erkrankt. Erinnerungen an Erlebnisse mit der Familie sind doch viel wichtiger?!

  • Belle Affaire, ich weiß nicht, ob ich dich gerade mehr oder weniger mag. :lache
    Du nennst Bücher, die ich entweder schon seit Längerem lesen will oder die für mich spannend klingen. Und ich denke dann: "Oh nein, stimmt, das wollte ich auch noch lesen."


    Dank dir wächst meine Wunschliste. Naja. Ich mag dich trotzdem. :kiss :grin

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  • Ich bin auch weiblich und über 30 und bin irritiert, dass ich und Frauen meines Alters in so seltsamen Kategorien gesehen werden - und finde auch die Vermutungen sehr seltsam, die Männer dazu haben.


    Ich kenne ein paar Mädels, die nach dem Kinderkriegen probleme mit allzu brutalen Thrillern haben, in denen Kindern Gewalt angetan wird. Ist mir selber bei einem mal passiert, dass ich den abgebrochen habe, weil der Mörder Hochschwangere tötet, in dem er ihnen die Babys rausschneidet. Und im Neuen McFadyen wird in einer Szene mal von der Häutung eines Kindes lamentiert. Das mir diese Hauptdarsteller unsympathisch waren, liegt auf der Hand. Aber ansonsten konnte ich mit 30 keine gravierdende Veränderung meiner Lesegewohnheiten feststellen. Außer der, die jede/r Leser/in in seinem Leben durchmacht, weil er Erfahrungen sammelt und sich Interessen verändern.


    Bücher mit wirklich unsympathischen Helden gibt es, glaub ich sowieso relativ wenige. Es gibt einige mit sperrigen, komplizierten Helden/innen und das mag tatsächlich nicht jeder. Hier könnte vielleicht die Vermutung naheliegen, dass Frauen über 30 mit Familie, Beziehung, Karriere und Kindern so viel zu tun haben, dass es einfach ist, eindimensionale Geschichten mit eindimensionalen Helden/innen zu lesen. Aber nachhaltiger und interessanter sind sicherlich die komplexen. Die, die auf den ersten Blick schwierig und eckig sind.


    Wie hier schon mehrfach erwähnt ist eine gute Story und die Glaubwürdigkeit der Charaktere viel wichtiger. Und wenn ein Buch keinen Erfolg hat/hatte, liegt es vielleicht nicht unbeding daran, dass der Held/in unsympathisch war sondern einfach die Geschichte langweilig oder unrealistisch.


    Ich mag zum Beispiel keine Geschichten, in denen die Bösewichte ZU unsympathisch sind. Also zu schlecht und eher unmenschlich daher kommen. Ich mag es, wenn nicht alles schwarz und weiß ist.


    Zitat

    Der Antagonist sollte nicht einfach nur abgrundtief böse sein, das ist dann ja auch langweilig. Faszinierend ist für mich eher eine widersprüchliche Figur mit inneren Konflikten. Insgesamt geht es mir weniger um Sympathie als um Faszination. Ich würde mir zum Beispiel ein Buch mit Severus Snape als Hauptfigur kaufen, aber nicht, weil er mir sympathisch ist, sondern weil er ein paar gute Eigenschaften hat, die ich bei ihm nicht erwartet hätte und ich gerne mehr wissen würde. Dagegen ist Voldemort, der, glaube ich, einfach durch und durch böse ist, weit weniger faszinierend für mich.


    Gutes Beispiel. Mir würden hier auch einige Beispiele einfallen. :rofl

    Hollundergrüße :wave



    :lesend

    Des Menschen Flügel - Andreas Eschbach


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Zitat

    Original von Belle Affaire



    "Still Alice" dagegen hat mich total genervt (obwohl ich weiß, dass viele das Buch sehr gut finden). Ich fand das Thema Alzheimer zwar sehr interessant, aber mich hat total genervt, dass die Protagonistin irgendwie überhaupt nicht interessiert war, dass sie ihre persönlichen Erinnerungen verliert, sondern das einzig Schlimme an allem schien zu sein, dass sie dann "nicht mehr lehren kann" - denn sie war eine College-Professorin! Und ihre Lehren und ihre überragenden Erkenntnisse und ihre Klugheit schienen das einzig Wichtige zu sein. Wenn sie mit ihrer Tochter gesprochen hat, gings auch immer nur darum, dass sie doch studieren soll - der Rest vom Leben ihrer Tochter schien sie gar nicht zu interessieren. Das hat mich extrem genervt an der Figur, weil sie mir ungeheuer elitär und arrogant vorkam und weil ich einfach auch nicht glauben kann, dass das alles ist, worüber man sich Gedanken macht, wenn man mit Ende 40 an Alzheimer erkrankt. Erinnerungen an Erlebnisse mit der Familie sind doch viel wichtiger?!


    Ich fand Alice Geschichte sehr bewegend und habe es ganz anders empfunden. Es war wie mit den Büchern, die sie am Ende nicht mehr gelesen hat, weil sie die Handlung sowieso nicht mehr behalten konnte. So hat sie auch ziemlich schnell (war je die agressive Alzheimer-Form) die Vorstellung davon verloren, dass bestimmte Erinnerungen wichtiger wären als andere. Das Verlust-Gefühl geht Alzheimer-Patienten gnädiger weise relativ schnell verloren.


    Aber eigentlich ist das nur ein Beispiel dafür, dass jeder eine subjektive Meinung beim Lesen eines Buches hat. Also auch die Verlagslektoren nur subjektiv einen Prota unsympathisch finden und dann meinen, wir Frauen über 30 würden ihn auch so empfinden und das dann nicht lesen. :rofl

    Hollundergrüße :wave



    :lesend

    Des Menschen Flügel - Andreas Eschbach


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Für mich persönlich ist ein richtig gutes Buch eines, wo der Autor es schafft, dass selbst der größte "Arsch" so beschrieben wird, dass ich ihn verstehen kann. Und somit sogar irgendwie mögen. Ich mag sogar Raskolnikow.
    Von daher stellt sich mir die Frage gar nicht. Wenn ich mit dem Protagonisten so rein gar nichts anfangen kann, hat der Autor für mich was falsch gemacht.
    Ich hab gegrübelt, aber keines meiner Lieblingsbücher hat einen Protagonisten, den ich "nicht mag". Obwohl da sicherlich viele drunter sind, die sehr schräg sind.
    Ich sage also klar, ich mag am liebsten Bücher mit unsympathischen Figuren, die der Autor so zu beschreiben versteht, dass ich sie am Ende doch lieb hab.

    Man möchte manchmal Kannibale sein, nicht um den oder jenen aufzufressen, sondern um ihn auszukotzen.


    Johann Nepomuk Nestroy
    (1801 - 1862), österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Bühnenautor

  • Zitat

    Original von Gummibärchen
    Belle Affaire, ich weiß nicht, ob ich dich gerade mehr oder weniger mag. :lache
    Du nennst Bücher, die ich entweder schon seit Längerem lesen will oder die für mich spannend klingen. Und ich denke dann: "Oh nein, stimmt, das wollte ich auch noch lesen."


    Dank dir wächst meine Wunschliste. Naja. Ich mag dich trotzdem. :kiss :grin


    :lache :knuddel

  • Zitat

    Original von beisswenger


    Gegen deine Alien-Theorie spricht die Statistik. Die Anzahl der Frauen über dreißig mit Alien-Erfahrung liegt im Promille-Bereich (Es sei denn, sie verschweigen uns was). Davon abgesehen, würde ich schon gerne wissen, woran das liegt, denn dann könnte man sich darauf einstellen, indem man exakt dieses Motiv (oder Motivbündel) als Kernthema auswählt. Und schon hätte man was "Shade-of-Grey-Mäßiges".


    Die Ironie daran ist, dass es wenige Bücher gibt, deren Hauptfiguren so unsympathisch UND unglaubwürdig sind wie bei Fifty Shades of Grey. :chen


    Die Statistik, dass Frauen über dreißig keine unsympathischen Hauptfiguren mögen, ist also nicht wahr. Gut, Christian Grey sollen wir sympathisch finden. Tue aber zumindest ich überhaupt nicht.



    Ich möchte Hauptfiguren sympathisch finden. Das heißt nun nicht, dass sie Leute sein müssen, mit denen ich im realen Leben befreundet wäre, oder zusammenarbeiten wollen würde. Sie müssen bloß Leute sein, deren gute Eigenschaften die schlechten überwiegen.


    Oma Wetterwachs aus den Scheibenweltromanen ist eine grantige alte Schachtel, die an mir wahrscheinlich permanent herummeckern würde. Schon ihre Angewohnheit, um vier Uhr morgens aufzustehen und das auch von anderen zu erwarten - scheußlich.


    Dafür hat sie aber moralische Grundsätze, die sich nicht verbiegen lassen ... eher verbiegen sich die Schurken bei dem Versuch das zu tun.


    Oma Wetterwachs ist die Sorte alter Dame, die tödlich beleidigt ist, wenn sie glaubt, bei den Einladungen zu einer Feier übergangen worden zu sein - dass tatsächlich die Schurken die Einladung geklaut haben, kommt nicht raus, weil ihr nicht in den Sinn kommt einfach mal zu fragen.


    Kurz und gut, befreundet sein möchte (oder könnte) man mit ihr wahrscheinlich nicht. Aber zu lesen, was sie denkt, macht trotzdem Spaß.


    Der Kopf einer Hauptperson muss ein Ort sein, an dem man sich gerne aufhält. Dazu muss sie nicht nett sein, aber ein gewisses moralisches Rückgrat muss da sein. Einer widerwärtigen Person dabei zuzusehen, wie sie widerwärtige Dinge tut ... wo bleibt da der Spaß?



    Das "Zwei gute Eigenschaften, eine schlechte" Prinzip funktioniert so nicht.


    Am Beispiel von Oma Wetterwachs: Die Frau hat moralisches Rückgrat. Sonst ... eigentlich nichts. Sie ist unfreundlich, so prüde, dass es schon fast eine Parodie ist (Eine Frau die Hosen trägt? Ein Skandal!), kann nicht mit Kindern umgehen (zumindest am Anfang behandelt sie eine Achtjährige wie ein Kleinkind), und ist weithin gefürchtet. Aber natürlich nicht die Anführerin der Scheibenwelthexen. Hexen haben nämlich keine Anführerinnen, so etwas würde Oma Wetterwachs nie zulassen!


    Nur sind all ihre negativen Eigenschaften solche, die sie zwar zu einem Alptraum machen würden, wenn man im realen Leben mit ihr zusammenarbeiten müsste, aber im Grunde genommen Kleinkram sind.


    Wenn Vampire angreifen, merkt man recht schnell, was wirklich zählt.


    Die Mathematik ist also weitaus komplizierter.



    Ähnlich ist das auch bei Severus Snape - der Mann ist als Lehrer eine absolute Katastrophe. Niemand würde in seine Klasse gehen wollen, oder auch nur sein Kollege sein. Aber das muss man ja auch nicht.

  • Ohne eure Ausführungen hier im Detail gelesen zu haben: JA, muss sie! Ich kann keinen Roman lesen, in dem mir keine Person sympathisch ist. Dann mag ich das Buch auch nicht. Das mag literarisch nicht angemessen sein, ist aber so. Ich bin bisher damit gut gefahren.

  • Zitat

    Original von Schwarzes Schaf
    Ohne eure Ausführungen hier im Detail gelesen zu haben: JA, muss sie! Ich kann keinen Roman lesen, in dem mir keine Person sympathisch ist. Dann mag ich das Buch auch nicht. Das mag literarisch nicht angemessen sein, ist aber so. Ich bin bisher damit gut gefahren.


    Danke!
    Genau das wollte ich auch schreiben (nachdem ich mir die letzten Tage wirklich Gedanken über diese Frage gemacht habe).


    Ich ertappe mich auch oft bei dem Gedanken "der ist doof, hoffentlich stirbt der" . :yikes

    Ein Mädchen sollte zwei Sachen sein: Elegant und fabulös.

    (Coco Chanel)


    #proannika

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Prombär ()

  • Mir ist es schnurzpiepe, ob eine Romanfigur sympathisch ist oder nicht, solange sie in einer interessanten und glaubwürdigen Geschichte interessant und glaubwürdig agiert, wobei mich die "Guten" tendenziell schnell langweilen und ich gebrochene, von Konflikten gezeichnete Figuren bevorzuge. Obendrein lege ich keinerlei Wert auf das sogenannte Identifikationspotential (Wer hat eigentlich zuerst behauptet, dass es für die Qualität eines Romans spräche, wenn man sich mit dem Protagonisten / der Protagonistin identifizieren kann? Für mich persönlich ist das kein positives Kriterium). Beides mag darin begründet liegen, dass ich nur selten Bücher lese, um der Realität zu entkommen, sondern mich im Gegenteil gern literarisch mit ihr auseinandersetze. Das ist nicht besser oder schlechter, sondern nur meine persönliche Einstellung zum Lesen.


    Zu den angeführten Beispielen kann ich wenig sagen, da ich so gut wie keine Fantasy lese und die meisten benannten Figuren diesem Bereich entnommen scheinen. Um selbst eines zu geben, möchte ich Zachary aus der Ibis Trilogie von Amitav Ghosh anführen, der sich von einem sympathischen jungen Mann zu einem egoistischen und kalt berechnenden Drecksack von Opiumhändler entwickelt. Dieser "moralische Verfall" ist so faszinierend und nachvollziehbar geschildert, dass ich einen Riesenspaß daran hatte, ihm zu folgen.


    LG harimau :wave

    "Lieber losrennen und sich verirren. Lieber verglühen, lieber tausend Mal Angst haben, als sterben müssen nach einem aufgeräumten, lauwarmen Leben"

    Andreas Altmann

  • Bei aller Rücksichtnahme auf die individuelle Wünsche, die in Euren Beiträgen hier immer wieder hervorgehoben werden, offensichtlich wird am Buchmarkt selbst sehr wohl davon ausgegangen, dass die Leserschaft und Käuferschaft gezielt beeinflusst werden kann.


    Es wird zumindest einen Grund haben, warum (am Markt erfolgreiche) Autorinnen und Autoren in ihren Schreibwerkstätten immer wieder behaupten, dass Sympathie-Träger-Figuren für einen beim Publikum erfolgreichen Roman notwendig sind.


    Immer wieder wird interessierten Schreibenden, die nicht nur für die Schublade schreiben wollen, gesagt, dass sie ohne solche Figuren mit ihren Büchern am deutschen Buchmarkt zumindest keine Chance haben werden.


    Warum gibt es inzwischen überhaupt "Baukasten" und "Anleitungen" dazu, wie so eine Figur zu schreiben ist und welche Eigenschaften eine Figur haben muss bzw. nicht haben darf: Man nehme zwei gute und eine schlechte Eigenschaft ...


    Ich würde sehr gerne glauben, dass hier nur ein zusätzlicher Zweig einer Buchmarktindustrie Verdienstmöglichkeiten sucht und daher solche Vorstellungen verbreitet, aber wenn ich mir dann Buch-Rezensionen und Lese-Runden durchsehe, werden diese Vorstellungen von den meisten bestätigt.


    Letztlich läuft es darauf heraus? Was ist eine symapthische Figur überhauptb bzw. was ist für die Leserinnen und Leser im 21. Jahrhundert wichtig, dass sie eine Figur als sympathisch wahrnehmen? Oder überspitzt formuliert? Wie differenziert darf eine Figur gestaltet sein, dass Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts sie noch sympathisch finden?

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    Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt. (Georg Christoph Lichtenberg)

  • Die Frage zu diesem Thread lautete schlicht:
    "Müssen Romanfiguren sympathisch sein ?"


    Hier wurde nicht nach den Intentionen des Buchmarkts gefragt. Die hier gestellte Frage richtet sich ausschließlich an die Leserinnen und Leser.
    Es wurde auch nicht danach gefragt, wann eine Figur sympathisch ist oder was für die Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts wichtig ist.


    Man kann sicher auch darüber sprechen, was es braucht, damit eine Figur sympathisch daherkommt; wobei aber hier zu berücksichtigen ist, dass das Empfinden von Sympathie eine individuelle Wahrnehmung ist, nicht aber eine Massenwahrnehmung.


    Jede/jeder wird Sympathie resp. Nichtsympathie anders und individuell wahrnehmen.


    Oftmals wird eben auch der Fehler gemacht, in eine Frage zuviel hinein zu interpretieren.


    Und, nein, Figuren müssen nicht sympathisch sein, sie müssen authentisch und glaubwürdig sein. Nicht mehr und nicht weniger.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.