'Der Untertan' - Seiten 001 - 101

  • Bevor wir hier in eine Diskussion über Sinn, Zweck oder Notwendigkeit von Streitkräften geraten, bleiben wir doch mal beim Buch, das ich vor ein paar Tagen endlich aus der Buchhandlung abgeholt habe und nun nach vielen Jahren erneut mit großer Begeisterung lese.

    Natürlich ist die Sprache genau diejenige, die der Handlungs- und Entstehungszeit des Buches entspringt, und damit ist sie heute ebenso selbstverständlich "altmodisch" und teilweise sogar schwer in ihrer Tiefe zu erfassen. Dennoch fügen sich Sprache und Inhalt in genialer Weise zu einem stimmigen Sittenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland, besser: in Preußen.

    Eines darf man bei diesem Entwicklungsroman keinesfalls vergessen: Er malt einerseits ein messerscharfes Bild der damaligen gesellschaftlichen, moralischen und politischen Verhältnisse im Obrigkeitsstaat, zeigt beispielsweise unbarmherzig die Unmenschlichkeit des allerorts praktizierten Erziehungssystems auf, andererseits aber macht Heinrich Mann den Kunstgriff, dies alles von einem Menschen mit besonders ekelhaftem Charakter erleben zu lassen. Beides gilt es gut auseinander zu halten.

    Die geltenden Normen und Werte der damaligen Zeit in Deutschland waren geradezu ideal für einen derart schwachen Mann wie Diederich, boten sie ihm doch die Chance, sich als jemand, der keinerlei eigene Überzeugungen, schon gar keine Durchsetzungskraft hatte und dem so etwas wie Individualismus geradezu als lebensbedrohlich galt, in immer wieder anderen "Gemeinschaften" aufzugehen (Schule, Verbindung, Militär), ohne jedoch deren spezifische Anforderungen überhaupt aus Überzeugung mittragen zu wollen. Der geborene "Untertan" also, anpassungsfähig wie ein Chamäleon, schleimig und liebedienerisch bis zum Selbstekel, aber anders wegen seiner völlig fehlenden Charakterstärke eben gar nicht lebensfähig. Aus diesem Holze waren zu aller Zeit und sind bis heute die gefährlichsten Zeitgenossen geschnitzt. Wehe, wenn sie sich in einer Machtorgansiation eine gewisse Position erschleimt haben: Dann werden sie zu Menschenschindern der übelsten Sorte. Aus den Heßlings dieser Welt wurden später die schlimmsten KZ-Schergen rekrutiert.

  • Während meines Studiums hatte ich auch mal die Gelegenheit, an einem Konvent einer Studentenverbindung teilzunehmen.

    Das war bestimmt ein spannendes Erlebnis:)

    Während meiner Studienzeit hatte ich überhaupt keine Kontakte zu irgendwelchen Verbindungen. In meinem Studienfach waren ja eh hauptsächlich Frauen und da war das überhaupt kein Thema. Aber auch so an der Uni hatte ich nie den Eindruck, dass es wirklich noch studentischen Verbindungen gegeben hätte oder das Leute aus meinem Bekanntenkreis dort aktiv waren. Ich weiß nicht, ob das jetzt an der Stadt ( München) gelegen hat oder ob ich einfach nicht mti den entsprechenden Studirenden in Kontakt gekommen bin.Es würde mich echt mal interessieren, wie das heutzutage so ist. Welche Rolle und Bedeutung diese Verbindungen heute bei den Studenten haben.

  • Leider bin ich im Moment gesundheitlich etwas angeschlagen, was sich auch auf mein Leseverhalten auswirkt. Ich werde für den Roman wohl länger dauern, da ich noch parallel Pflichtbücher lese.


    Der erste Abschnitt ist aber nun gelesen und ich habe mich relativ schnell eingelesen.


    Diedrich ist ein kleiner Widerling, der nach oben buckelt und nach unten tritt, schon als Kind konnte er das gut. Leider fallen immer wieder Menschen auf ihn herein, den irgendwie gelingt es ihm, sich gut zu verkaufen. Oder er nutzt halt, wie beim Militär, seine Beziehungen. Er hat ein Talent, aus vielem seinen Nutzen zu ziehen, lügt wie gedruckt, ist heuchlerisch aber auch ziemlich feige. Denunzieren kann er auch gut - nein, mögen kann man ihn wirklich zu keiner Zeit.


    Ich hoffe mal, dass Agnes wirklich nicht von ihm schwanger ist. Die Beziehung der beiden war von Anfang an merkwürdig ...


    Heinrich Mann hielt sicher einigen den Spiegel vor ...

  • Voltaire schrieb:

    Und es ist schon beschämend, dass man für einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman wie die "Buddenbrooks" den Literatur-Nobelpreis bekommt.

    Ich versuche mal, nicht beleidigt zu sein, immerhin ist "Buddenbrooks" mein Lieblingsroman ...

    Gibt auch wirklich keinen Grund, beleidigt zu sein. Die Beurteilung von Büchern ist immer subjektiv. Und manch einer gefällt sich eben darin, ein Werk kleinzureden, für das sein Autor den Nobelpreis erhalten hat. Ist nicht weiter von Belang, denn der Stellenwert der "Buddenbrooks" in der Weltliteratur als erster bedeutender deutscher Gesellschaftsroman wird dadurch nicht einmal angetastet.

  • Das sehe ich nicht so. Agnes ist eine sicher behütete, über alles geliebte Tochter mit angeschlagener Gesundheit, aber ganz sicher kokettiert sie nicht damit.

    Mir kam es schon auch so vor, als würde Agnes bewusst an den Beschützerinstinkt von Männern appelieren - nach dem Motto "ich bin so zart, Du musst lieb zu mir sein"

    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Judith Kerr: When Hitler Stole Pink Rabbit

  • Aufmerksamkeit, Zuwendung, Mitgefühl, es gibt so Menschen ...

    Aber ihr Vater hat sich liebevoll um sie gekümmert. Sie hatte es also nicht nötig, das herauszufordern. Sowas kommt ja im Lauf der Kindheit und nicht erst im Erwachsenenalter.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Ich glaube, damals suchten die jungen Damen nicht aus, sondern wurden ausgesucht oder warteten darauf ausgesucht zu werden.=O

    Sie hätten aber wahrscheinlich lieber selbst entschieden.


    Warum Agnes hier so negativ empfunden wird, kann ich nicht nachvollziehen.

    Sie hat Diederichs mieses Verhalten sicher nicht herausgefordert.

  • Sie hätten aber wahrscheinlich lieber selbst entschieden.


    Warum Agnes hier so negativ empfunden wird, kann ich nicht nachvollziehen.

    Sie hat Diederichs mieses Verhalten sicher nicht herausgefordert.

    Mit Sicherheit hätten sie lieber selber entschieden, aber da sind wir wieder dabei: sie kannten es nicht anders.

    Negativ sehe ich sie nicht. Sie tut mir Leid. Für mich kokettiert sie nicht, sondern ist echt, naiv, aber sie spielt keine Rolle vor. Vielleicht erwartet sie auch nur Gutes von Anderen, weil sie auch nur Gutes geben will, an das Gute im Menschen glaubt.

  • Mit Sicherheit hätten sie lieber selber entschieden, aber da sind wir wieder dabei: sie kannten es nicht anders.

    Negativ sehe ich sie nicht. Sie tut mir Leid. Für mich kokettiert sie nicht, sondern ist echt, naiv, aber sie spielt keine Rolle vor. Vielleicht erwartet sie auch nur Gutes von Anderen, weil sie auch nur Gutes geben will, an das Gute im Menschen glaubt.

    So habe ich es auch empfunden. Sie ist in meinen Augen arglos, beschützend erzogen, hat keinerlei Erfahrung, dass es jemand nicht ehrlich meinen könnte. Das ist ja meistens so bei Menschen, die anderen auch nie etwas vorspiegeln oder erzählen, was nicht wirklich so ist. Da geht man leicht an.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Mit Sicherheit hätten sie lieber selber entschieden, aber da sind wir wieder dabei: sie kannten es nicht anders.

    Negativ sehe ich sie nicht. Sie tut mir Leid. Für mich kokettiert sie nicht, sondern ist echt, naiv, aber sie spielt keine Rolle vor. Vielleicht erwartet sie auch nur Gutes von Anderen, weil sie auch nur Gutes geben will, an das Gute im Menschen glaubt.

    So sehe ich sie auch. Sie ist alles andere als berechnend und hat scheinbar bis zum Schluss gehofft, dass doch noch alles gut wird.